Hilfen bei Demenz aus
ärztlicher Sicht
von Dr. med. A. Rahn, 2005
Wir stehen an der Schwelle zu erheblichen demographischen
Veränderungen mit einer bedeutsamen Zunahme der Zahl der älteren Menschen in
der Bevölkerung. Psychische Krankheiten sind nicht nur in der allgemeinen Bevölkerung,
sondern auch bei älteren Menschen überaus häufig. Neben Anpassungsstörungen,
Depressionen und Angstzuständen sind die Hirnleistungsstörungen bei der
Alzheimerschen Erkrankung oder infolge von Durchblutungsstörungen, verbunden
mit anderen im Alter häufigen Erkrankungen und Komplikationen die häufigsten
Problemfelder.
Die zahlenmäßig wichtigste Gruppe neben der Depression sind
die Demenzerkrankungen. Es handelt sich hierbei um eine Gruppe von Erkrankungen
nicht immer einheitlicher Ursache, wobei neben dem chronischen Verlust von
Gedächtnis, Beurteilungsvermögen, also insgesamt den höheren geistigen
Funktionen (sogenannter kognitiver Bereich), auch chronische Veränderungen der
Persönlichkeit, Wesensänderungen bis zu Verhaltensauffälligkeiten (sogenannter
nicht-kognitiver Bereich) auftreten. Letztendlich führen die Erkrankungen zu
einem Verlust der Selbstständigkeit und auf Dauer zum Tode.
Eine Demenz vom Alzheimer-Typ gehört zu den häufigsten
Todesursachen in den westlichen Industrieländern. Die Wahrscheinlichkeit zu
erkranken steigt von fünf Prozent bei den über 65-jährigen bis auf über 40
Prozent bei den 90-jährigen.
Zusätzlich treten noch durchblutungsbedingte
Hirnleistungsstörungen auf, es bestehen erhebliche Wechselwirkungen mit den
ebenfalls im Alter sehr häufigen körperlichen Erkrankungen.
Wir wissen heute, dass die Demenzerkrankung der Endpunkt
einer langen Entwicklung ist. Genetische Faktoren spielen nur eine
untergeordnete Rolle. Wie alle anderen Organen kommt es auch im Gehirn zu
altersassoziierten Veränderungen. Es handelt sich dabei um Störungen der
Merkfähigkeit und des Gedächtnisses, aber im Unterschied zur Demenz bleiben die
Alltagskompetenzen erhalten.
Ob es sich
bei der häufig festgestellten so genannten leichten kognitiven Beeinträchtigung
um einen krankhaften Prozess handelt, wird zur Zeit erforscht. Man weiß, dass
es sich häufig um einen Prozess handelt, der sich weiterentwickelt. Man weiß
auch, dass die bekannten Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen sich negativ
auf die geistigen Fähigkeiten auswirken. Es ist eine alte ärztliche Erfahrung,
dass bei Vorhandensein von körperlichen Erkrankungen auch die geistigen
Fähigkeiten in Mitleidenschaft gezogen werden können.
Wann ist es eine
Demenz?
Für die Diagnose einer Demenz wird der Nachweis länger
dauernder Gedächtnisausfälle für
mindestens ein halbes Jahr, verbunden mit weiteren Defiziten höherer
geistiger Funktionen (Sprache, Lesen,
Rechnen, Zeichen, Beurteilungsfähigkeit), gefordert. Die gefundenen
Veränderungen müssen so schwer ausgeprägt sein, dass sie zu einer
Beeinträchtigung der Selbstständigkeit im Alltag geführt haben. Außerdem müssen
andere Ursachen ausgeschlossen sein, insbesondere akute psychische
Erkrankungen, Depressionen und körperliche Erkrankungen mit psychischen Folgeerscheinungen.
Nach wie vor wird bei uns die Diagnose meistens erst in einem mittelschweren
Stadium der Demenzerkrankungen gestellt. Hier sind dann bereits deutliche
Veränderungen und Beeinträchtigungen im Alltag vorhanden. Die durchschnittliche
Lebenserwartung beträgt dann noch etwa 5 Jahre.
Im Stadium
des zunehmenden geistigen Abbaus sind auch Veränderungen am Gehirn nachweisbar,
es ist aber trotz aller Bemühungen in der Medizin routinemäßig noch nicht
möglich, den fassbaren Abbauprozess auf Grund eines morphologischen oder
bildgebenden Befundes einem bestimmten Krankheitsprozess zuzuordnen. So steht
in der täglichen Praxis die Ausschlussdiagnostik im Vordergrund, denn es gibt
durchaus körperliche Erkrankungen, die die gleichen Symptome hervorrufen können,
aber ganz anders zu behandeln sind (z.B. Hirntumoren, bestimmte
Vitaminmangelzustände, Schilddrüsenfunktionsstörungen). Wichtig ist auch die
Suche nach Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen, bzw. der Nachweis und die
gezielte Behandlung von bereits vorliegenden Durchblutungsproblemen.
Insbesondere der Bluthochdruck hat hier eine besondere Bedeutung, aber auch die
Ernährung ist sehr wichtig. Wichtig ist auch, den geistigen Abbauprozess des
Menschen nicht isoliert zu sehen, sondern auf gleichzeitig vorhandene
körperliche Krankheiten zu achten, da es hier eine wechselseitige Beziehung
gibt. Die alte Weisheit „mens sana in corpore sano“ hat nach wie vor
Gültigkeit.
Hilfen bei Demenz: es
gibt sie, nur: werden sie auch genutzt?
Die konkrete Problematik des einzelnen Patienten mit einer
Demenzerkrankung ergibt sich aus der Analyse der genannten kognitiven oder
nicht-kognitiven Symtome, anderen psychischen Störungen, der begleitenden
körperlichen Erkrankungen und Behinderungen, und den Auswirkungen im Alltag im
Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld. Fast immer finden sich Probleme nicht nur
in einem der genannten Bereiche.
Eine derartig vielschichtige Problemsituation erfordert ein
ebensolches Herangehen. Fast nie wird eine alleinige medikamentöse Therapie ausreichen,
wobei hervorzuheben ist, dass es heutzutage für die meisten körperlichen
Gesundheitsstörungen zumindest eine lindernde Behandlung gibt, und dies gilt
auch für den geistigen Abbauprozeß. Neben diesen eher medizinischen Maßnahmen
gibt es viel Wissen über Unterstützungs- und Begleitungsmöglichkeiten der
Betroffenen und ihrer Angehörigen. Von ambulanter Beratung über spezielle
Wohnangebote mit Hilfen bis zum Heimplatz gibt es eine Vielzahl von Angeboten,
deren Wertigkeit stets im Einzelfall zu prüfen ist, um die individuell beste,
d.h. passende, Lösung zu finden.
Leider werden die heutzutage möglichen Hilfen bei weitem
nicht in ausreichendem Maße eingesetzt. Es beginnt bei der Vorbeugung im Sinne
sog. „Geroprophylaxe“ (spezielle Vorbeugung von häufigen Gesundheitsstörungen
im Alter, z.B. Stürze, Ernährung – wußen Sie, das es so etwas gibt?), geht über
die Früherkennung (wird kaum genutzt) bis zur Diagnostik (diese wird in der
Regel zu spät durchgeführt, oft lückenhaft) und Therapie (wo oft eine medikamentöse
Demenztherapie aus Kostengründen nicht so durchgeführt wird, wie sie heute
aufgrund des medizinischen Kenntnisstandes zeitgemäß wäre) und betrifft auch
die Hilfsmöglichkeiten im Umfeld sowie die Heimbewohnung. Vergesslichkeit im
Alter wird immer noch viel zu häufig als normal angesehen nach dem Motto: „im
Alter ist man halt tüdelig“. So werden wertvolle Chancen einer rechtzeitigen
Diagnose ungenutzt gelassen, behandelbare Krankheiten übersehen oder
Vorbeugungsmöglichkeiten z.B. von Durchblutungsstörungen nicht genutzt. Die
Folge ist weniger Teilnahme am Leben, soziale Ausgrenzung, modern ausgedrückt
„ein Verlust an Lebensqualität“. Auch körperliche Erkrankungen im Alter werden
nicht so gut behandelt wie bei Jüngeren, denn auch hier sind neben bestimmten
altersbezogenen Veränderungen Begleiterkrankungen im körperlichen und
seelischen Bereich mit zu beachten. Die Strukturen unseres Gesundheitssystems
haben sich noch nicht den heutigen Gegebenheiten angepasst und die Medizin
beschäftigt sich lieber mit einem kranken Organ als mit dem ganzen Menschen.
Während es in fast allen Ländern in Europa eine ärztliche Weiterbildung für
Geriatrie (Medizin für Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter) gibt, in
einigen Ländern sogar einen Facharzt für Geriatrie, ist man in Deutschland
gerade nicht nur dabei, die allgemeine Innere Medizin abzuschaffen, sondern
wehrt sich gegen die Anerkennung eines Facharztes für Geriatrie. Daneben
streitet sich die auf Organe bezogene Fachärzteschaft um die Zuständigkeiten
für Krankheiten. Die Krankenkassen richten „Disease-Management-Programme“ ein,
in denen die meiste Zeit Daten aufgeschrieben werden und wollen damit Geld
sparen. Wie soll der von verschiedenen Problemen geplagte Patient wissen,
welchen Facharzt er aufsuchen soll? Warum soll ein Arzt nicht öffentlich machen
dürfen, dass er sich auf Alterserkrankungen spezialisiert hat?
Warum gibt es ein Angebot zur Darmkrebsfrüherkennung für ab
50jährige, wenn der Darmkrebs doch viel seltener ist als die Demenzerkrankung
im hohen Lebensalter (s. oben: 40% der über 90jährigen sind betroffen.
Selbstverständlich ist die Darmkrebsvorsorge sinnvoll!)? Nach wie vor haben
gesundheitliche Probleme der älteren Menschen in unserer Gesellschaft nicht den
gleichen Stellenwert wie bei Jüngeren. Wie lange wird eine immer älter werdende
Gesellschaft noch weitgehend tatenlos zusehen? Wenn nicht klar ist, ob
bestimmte Medikamente bei Demenz helfen, warum werden nicht mit unabhängigen
öffentlichen Mitteln Studien durchgeführt, die das klären, und zwar möglichst
rasch, weil wir das wissen müssen!? Man müsste nur eine vergleichbare Energie
hierfür an den Tag legen wie beim Rinderwahnsinn. Oder haben wir schon jetzt
kein Geld mehr für die Betreuung von Demenzkranken, die zum Bruttosozialprodukt
aktiv nichts mehr beitragen? Wo ist die Lobby der Demenzkranken? Was ist in
Deutschlang bekannt über das WHO-Projekt des „aktiven Alterns?“ Welche Lösungen
sind für Ballungsräume, welche für ländliche Gegenden angemessen?
So gibt es
– nicht nur, aber auch – aus ärztlicher Sicht bei den Demenzerkrankungen
dringend Handlungsbedarf. Die Alzheimer-Gesellschaft(en) sind angetreten, um
etwas zu unternehmen. Es gibt viel zu tun, packen wir es an!
Copyright by Dr. med. A. Rahn
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